Bubraum #32: Y Viva España

Der Bubraum fuhr zur Seejungfrau. Nach Jois. Platzierte sich bei 37 Grad im Schatten an den See. Bekam ein vorzügliches Menü vorgesetzt. Und dann einen 300-PS-Allrad-Seat unter dern Hintern. Die Platzierung über den Leithaberg war Thema. Es staubte schon Richtung Dorf. Vorbei an der Ortskampfanlage Angerdorf fuhren wir von Breitenbrunn nach Steinbruch, Hof, Mannersdorf, Donnerskirchen und retour. Für mich die Michail-Gorbatschow-Gedächtnis-Fahrt.

Seat ist ja ein Phänomen. Vor ein paar Jahren war die VW-Marke am Boden. „Die Verluste, die Seat dem Konzern eingebracht hat, kann man bis zum Ende der Welt nicht mehr verdienen“, wurde vor genau einem Jahr der deutsche Autoprofessor im „Kurier“ zitiert, dessen Handynummer offenbar alle  Journalisten weltweit haben und der gerade den Diesel in Grund und Boden stampft. Aber VW behält Seat. Und die verkaufen jetzt richtig gut Autos. Y viva España. (Eviva heißt auf Spanisch gar nix, der Song wurde auch von Belgiern 1971 geschrieben …. ;)) Österreich ist nach Spanien jedenfalls das Land mit dem höchsten Seat-Marktanteil. 5 Prozent im Halbjahr, das ist nicht wenig, für Seat nachgerade sensationell. „Ohne Kurzzulassungen, da machen wir nicht mit“, sagt Seat-Österreich-Boss Wolfgang Wurm bei einer Fahrveranstaltung in Jois. Zur Erklärung: Um die Statistiken bei den Neuzulassungen zu schönen, melden viele Importorganisationen Autos für einen Tag oder eine Woche an, und verkaufen sie dann als Gebrauchte. Es ist nicht so, dass man keine Vorführwagen oder Werkstatt-Ersatzfahrzeuge braucht. Aber ganz sauber sind die Statistiken nicht. Egal. Seat sagt, sie seien bei uns wirklich so gut im Verkauf wie es die Statistik sagt. Der Bubraum kann das schon glauben. Die Autos sind ihnen jedenfalls gelungen.

Seat-Österreich-Chef Wolfgang Wurm
Programmatisches Kennzeichen

Die Spanier haben ein paar Nischen im Konzern gefunden, die man ganz gut besetzt. So ist Seat eine Benzin-Motormarke. Angesichts der jüngsten Diskussionen über die Zukunft des Diesel ist das keine schlechte Positioniereung. Vom neuen Ibiza, dem Brot- und Buttermodell der Spanier,  kommen daher zunächst einmal nur 1,0-Liter-Benzinmotoren (der günstigste ist aktuell mit Aktionspreisen bereits um 11.490 Euro zu haben). Seat ist gerade beim Ibiza auch eine Frauenmarke. Den Ibiza gibt es in der Farbe Rose-Gold. Das traut sich sonst kaum wer. „Unsere Kundinnen finden das gut“, sagt Wurm.

Interessant wird auch der im Herbst kommende kleine Stadt-SUV Arona,  der sich mit Oppels Erfolgsmodell Mokka X matchen will, oder auch mit dem Renault Captur, dem Fiat 500X, dem Peugeot 2008. Vom größeren Ateca versucht Seat gerade mehr Exemplare nach Österreich zu bekommen, die Nachfrage übersteige das Angebot, heißt es. Und, was interessant istg, Seat will von jedem Auto eine Erdgas-Version auch in Österreich anbieten. „Wir probieren das“, sagt Geschäftsführer Wurm, „es lohnt sich, grade jetzt für diese Technologie zu kämpfen. Laut Computer haben sie 1600 Kilometer Recihweite mit vollem Erdgas- und Benzin-Tank.“ Ein Problem sei noch, dass die Österreicher glauben, sie dürfen mit Erdgasautos nicht in Parkgaragen einfahren. Doch die Verbote sind meist uralt und beziehen sich auf Flüssiggas, das so genannte „Autogas“. LPG-Autos, wie sie in Russland gefahren werden. Liquified Petrol Gas, Propan und Butan. Das, was Seat anbietet, sind CNG-Antriebe. Compressed Natural Gas, hauptsächlich aus Methan bestehend. Ich überlege selbst, ernsthaft, mir so einen Wagen mal anzusehen, eventuell wäre das etwas fürs Privatauto.

Seat hatte in Jois beim Restaurant Seejungfrau am Neusiedler See eine Reihe schöner, braver, netter, hübscher Autos zum Ausprobieren vorbereitet (der Koch ein großartiges Menü, das Eierschwammerrisotto war da bomb!). Der Bubraum kam an, traf den Kollegen Guido Gluschitsch vom „Standard“ und den Kollegen Christian Vavra vom „Kurier“. Die zwei hatten sich sofort, etwas kurzatmig und mit Ellbogentechniken, das allervernüftigste Auto gekrallt, einen Seat Leon Cupra mit 300 PS und Allradantrieb. Und machten dann, sagen wir, feixend Bemerkungen über Menschen, die Autos in Rose-Gold und 1,0-Liter-Motor fahren sollten, und blickten hämisch grinsend in meine Richtung. Der Mario Ehrnhofer vom ARBÖ gab seinen Ibiza zurück, und ich sicherte uns einen weißen Cupra-Leon, einen mit einer Plakette „300“ auf dem Kofferraumdeckel. Wo samma denn? Der zuagraste Steirer und der Mundl verstummten.

Die Gegend zwischen dem Nordufer des Sees und dem Leithaberg ist mein Hometurf. Also vor 30 Jahren gewesen. Ich war hier beim Bundesheer. Bei einem Sperrjäger-Regiment, als Kradmelder, also Biker. Unsere Panzertürme und Bunker waren irgendwo bei Breitenbrunn in den Hügeln vergraben. Dort hätten wir, gemeinsam mit dem Weingarten-Draht, die von Ungarn kommende sowjetische Panzerarmee stoppen soll. 1986/87, Kinder. Man hätte uns eine Überlebenszeit von 13 Minuten zugestanden. Dann wären alle Weingartendrähte aus den Panzerketten geschnitten gewesen und der Russe über uns hinweggewalzt. Dank Michail Sergejewitsch Gorbatschow kam es nie dazu. Ich habe mich später, als ich ihn einmal interviewt hatte, dafür ausdrücklich bedankt.

Bevor es losgeht, ein paar Eckdaten: Der Seat Leon Cupra (von „Cup Racing“) ist das leistungsstärkste Modell der Firmengeschichte. Er hat einen 2.0 TSI-Murl mit wie gesagt 300 PS, Allradantrieb (4Drive) und DSG-Getriebe. Laut Preisliste kostet er Minimum 38.600 Euro.  Es stehen bei der Fahrzeugabstimmung vier Modi am Display zur Auswahl: Comfort, Sport, Individual und CUPRA. Getriebe, DCC, Progressivlenkung und selbstschließendes Differenzial reagieren sukzessiv „sportlicher“. Bei 250 km/h würde auf der deutschen Autobahn die Elektronik abriegeln. In Österreich viel früher eine Dachtl meiner Frau.

Aber die war nicht dabei im Leon Cupra unlängst, sondern der Mario. Daher staubte es schon auf der Seestraße zurück Richtung Jois a bissl.

Als wir mit dem Cupra von Breitenbrunn aus Richtung Kaisersteinbruch gefahren sind, hab ich die Schilder wieder gesehen. Wie vor 30 Jahren. Ortskampfanlage Angerdorf. Dort sind wir mit den KTM-Krädern einmal in eine Granatwerfer-Übung hinein gefahren. Versehentlich. Kann ja vorkommen. Wenn uns der Russe nicht erledigt hat, hätten es fast die eigenen Leute gemacht. Mit Hilfe unserer eigenen Blödheit. Mit der Freude des Überlebenden habe ich den schmucken Seat gleich neben den Wegweisern fotografieren müssen. Der Kollege Ehrnhofer erduldete meine Sentimentalitätsanfälle mit der geeichten und getesteten Geduld eines sozialdemokratischen Autofahrerklubmagazinschefredakteurs.

Im Tal dann, neben der Kaserne der Militärhundestaffel, erreichte mich dann ein Anruf. Es winkt ein Auftrag. Ich übergebe an den Mario. Der zeigt mir, wie man mit dem Cupra richtig fährt. „Und ich bin völlig entspannt“, wird er dann sagen, als wir auf dem bereindruckend griffigen Asphalt nach Mannersdorf und Hof wieder in den Wald bollern, auf den Serpentinen Richtung Donnerskirchen, einer von drei klassischen Strecken über das Leithagebirge (neben Breitenbrunn-Kaisersteinbruch und eben Donnerskirchen-Hof gäbe es noch Eisenstadt-Stotzing). „Und er hat ein einziges Mal ein bissl übersteuert.“ Sonst wie auf Schienen. Und dass, obwohl mir die Fliehkräfte fast das Handy aus den Händen geworfen haben. Gluschitsch/Vavra werden dann behaupten, der Wagen habe nur übersteuert und das Heck sei nie gscheit gekommen und überhaupt die Reifen. Berichte aus dem Kriegsgebiet. Die Sieger schreiben die Geschichte. Wäre Gorbatschow nicht gewesen, hätten wir diese First-World-Problems jetzt nicht. Cпасибо, Михаил Сергеевич! Das Burgenland ist noch ganz und ganz schön.

 

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