Bubraum #33: Want Ad Blues

Diesel-Motoren. Ein heikles Thema derzeit. Pipifax? Mit Nichten und Neffen, wie der Kurt Ostbahn immer gesagt hat. Wir hatten zuwenig Blues im wunderschönen, weißen Landrover Discovery 5.

„Hört auf mit dem Pipi“. Ernsthaft, das war ein Titel eines Artikels in der „Süddeutschen Zeitung“, einer der meiner Meinung nach besten Zeitungen im deutschsprachigen Raum. Mit „Hört auf mit dem Pipi“, sollen hohe Audi-Manager ihren lästigen Ingenieure angeblafft haben, als die drauf bestanden haben, dass nur mit Harnstoff-Katalysatoren es möglich sein werde, die großen, muskulösen Sechssylinder-Dieselmotoren in den Q-Schlachtschiffen halbwegs sauber zu bekommen.

Ich muss sagen, den Titel fand ich lustig, weil ich mir die deutschen Konzernmanager, die ich teilweise in echt ja schon getroffen habe, gut vorstellen konnte, also: blaffend. Ich saß im Zug und fuhr von Wulka nach Wien, um mir einen großen Sechszylinder-Diesel-SUV abzuholen. Keinen Audi. Einen Landrover, den neuen Discovery in concreto. Ich lachte laut auf. Die Leute im Zug schauten mich an. „Hört auf mit dem Pipi“, wollte ich laut vor mich hinsagen. Hab ich aber dann eh nicht.

Wien-Erdberg. Nachdem ich mir den Schlüssel für wunderschönen weißen Disco im Autohaus Denzel gecheckt hatte, ging ich in brütender Hitze zum Wagen, der in der Ecke des Autohausparkplatzes abgestellt war. Beim Rausgehen aus dem Autohaus blaffte mich eine Frau aus einem älteren Dicovery an: „Ist das Ihr Auto???“ Sie deutete auf einen offenen Bentley, der vor dem Parkplatz abgestellt war, auf dem sie und ihr vor Wut zitternder Ehemann mit dem älteren Disco sich befanden. Sie wollten wegfahren, vom Besitzer des Bentleys aber keine Spur. Der wütende Ehemann sagte nichts zu mir, drückte aber auf die Hupe. Mit flackernden Augen schauten mich beide an. Ich sagte: „Ach, hört auf mit dem Pipi …“ und ging am Bentley vorbei, ließ sie bei 70 Grad im Auto weiter toben, hupen und schimpfen und Sperrkette den wunderschönen, weißen Disco auf.

Ich setzte mich rein. Drinnen duftete es nach heißem Leder und heißen Holzimitaten. Ich starte den Motor, stelle die Klimaanlage auf Maximalbetrieb, stelle die Hi-Fi-Anlage auf Maximalbetrieb.

Das Zetern aus dem alten Disco draußen vor dem Bentley höre ich definitiv nicht mehr. Ich fahre ab. Lasse Bentley, Denzel, ungut koppelnde Wiener in zugeparkten Autos hinter mir und fahre die Erdbergstraße zurück Richtung Autobahn.

Dann passierts. Es war Schluss mit dem Pipi.

Es zeigt mir das Infodisplay doch tatsächlich an, dass der „DEF-Stand“ zu niedrig sei, und dass sich das Fahrzeug in 800 Kilometern nicht mehr starten lassen werde. Ich parke mich in zweiter Spur vor das nächste Wiener Ehepaar und suche in der Gebrauchsanleitung. WTF is DEF? Das Wiener Ehepaar brüllt irgendetwas mit „gscherda Trottl“ (der wunderschöne, weiße Discovery 5 hat ein Salzburgr Kennzeichen, weil der Importeur, Land Rover Jaguar Austria in Salzburg sitzt). Ich fahre weiter und rufe beim Denzel an. Dort sagt man mir DEF sei Diesel Ehaus Fluid. Ja, AdBlue. Also die wässrige Harnstofflösung. Ich frage: Ok. Hilfe? BEi Denzel heißt es: Na tanken sie halt nach.

Ich fahre zur Tankstelle bei der Mollard-Burg. Kaufe einen 5-Liter-Kanister Pipi. Wässriges Pipi, um genau zu sein, AdBlue besteht laut dem Lizenzhalter, dem Verband der deutschen Automobilindustrie, aus 32,5 Prozent Harstoff, der Rest sei demineralisiertes Wasser. Es gibt übrigens einen Song von John Lee Hooker, der heißt „Want Ad Blues“. Passte zu mir. Ich wantede auch to add AdBlue. Hab mit der Gebrauchsanleiteung auch den Einfüllstutzen gefunden.

Im Artikel von der „Süddeutschen“ hatte ich gesehen, dass sich die Audi-Manager deswegen so gegen die Vorstellung von noch mehr Harnstoff gewehrt hatten, weil sie vor allem ihren amerikanischen Kunden nicht zumuten wollten, zwischen Werkstattterminen selbst AdBlue nachfüllen zu müssen. Versteh ich. Ich jedenfalls, ich leere vorsichtig Pipi nach. Nach ca. 2,5 Liter schwappt es über. Ich packe ihn wieder ein. Den Kanister, ihr Spaßvögel.  Setz mich in den wunderschönen, weißen Discovery, der innen nach Leder duftet und einfach großartig aussieht. Das Display zeigt: „DEF-Stand niedrig. Bitte nachfüllen. Motor lässt sich in 778 km nicht mehr starten.“ Ich krieg etwas die Panik. Wollten wir doch mit dem wunderschönen,weißen, sicher unfassbar komfortablen Landie um drei in der Früh nach Kroatien runter fahren. Es ist 17.30 Uhr.

Ich rufe bei Denzel an. Man sagt mir: „Vielleicht ein Software-Fehler. Vielleicht haben Sie auch nur zu wenig DEF reingeleert. Bringen Sie uns das Auto morgen in die Werkstätte.“ Ich: „Aber ich will heute nach Kroatien fahren.“ Bei Denzel: „Das geht nicht.“ Ich: „Was? Wie bitte? Meine Frau bringt mich um.“ Bei Denzel: „Da können wir nichts machen.“ Ich hab Angst um mein Leben und lege auf. Und fahre nach Hause.

Nicht gerade entspannt, obwohl sich das Auto großartig gedämpft und gemütlich fährt. Und es duftet nach Leder. Schaut Euch sich die Nähte vom Leder an. So schön. Heute träume ich davon. Damals, ich schwöre, ich hab davon nichts mitbekommen.

Zu Hause. Ich parke das schmucke Trumm vor dem Haus. Rein trau ich mich nicht. Ich rufe statt dessen mal beim Importeur an. Beim Dieter. Dem Sprecher der Marke. Dieter ist wie immer ein beneidenswerter Pol der Ruhe. „Leo, füll den Rest auch noch nach. Du musst mindestens vier Liter reintun, sonst merken die Sensoren das nicht.“ „Aber es ist vorher übergeschwappt, Dieter.“ Es sagt: „Leo, vertrau mir. Der Tank ist groß.“ Ich vertraue dem Dieter. Er ist lang dabei und kennt mich. Seine Autos auch. Ich hab mit dem Pipihahn offenbar falsch hantiert. Sollte ich in meinem Alter schön langsam können. Jedenfalls ließen sich die restlichen 2,5 Liter aus meinem AdBlue-Kanister anstandslos nachfüllen. Das Display zeigte daraufhin: Nichts. Hrvatska, mi dojdemo! Kroatien, wir kommen.

Ich stellte das Schmuckstück in die Garage. Meine Frau empfing mich statt mit Lobeshymnen über mein technisches Verständnis mit einem Berg Koffer. „Einräumen.“ Die Fotos vom Schmuckstück im schönen Zadar und den Koffern und natürlich auch den Rüben im Kofferraum gibts dann im Bubraum #34. Jetzt aber Schluss mit dem Pipi.

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