Bubraum #36: Born to be wild

Der neueste Generation des Ford Fiesta hat zwar Location und Zeit seiner Österreich-Vorstellung mit der Harley-Davidson-Week in Kärnten geteilt, ist aber sonst das Gegenteil. Sprich: Er scheint sein Geld wert und hat eine gute Straßenlage.

Jetzt geben sie zig tausende Euro für ein Moped aus Milwaukee aus, noch mehr dann für Anbauteile, für mitunter himmelschreiend schiache Lackierungen, für ungemütliche Sitze, für zu lange Gabeln, für zu große Vorderräder und für viel zu fette Hinterreifen. Und für Accesoires, Lederjacke, T-Shirts, Bandanas, Stiefel, Ringe, Ketten, wasweißich. Die Harley-Davidson Motor Company muss ein Vermögen mit den gut situierten Grey Ridern im Alter 45+ verdienen, sind ja viele vermutlich im Zivilberuf Zahnärzte, Steuerberater, Investmentbanker, Versicherungsvertreter und Scheidungsanwälte. Die da in Velden am Wörther See in den Straßencafes hocken und schauen, während aus den Boxen allen Ernstes „Born to Be Wild“ von Steppenwolf dröhnt. Da sitzen sie feist, wie dicke schwarze Käfer an einem heißen Sommertag am Feldrand, schauen mit verspanntem Unterkiefer durch Spiegelbrillen auf den Boulevard of Broken Dreambikes, über den die Kollegin Silvia und ich im kleinen, blauen Ford Fiesta vorbei fahren. Und fröhlich aus dem Fester lachen. So einen Spaß haben wir. Die Männer mit grauem Haupthaar lachen nicht. Sichanetoida. Nicht einmal beim Kaffeehaushocken. Auf der Maschine sowieso nicht, da schauen sie grimmig, weil es anatomisch, physiologisch und psychologisch unmöglich scheint, mit verkrampft nach vor gezogenen Schultern und ungesund durchgestreckten Armen, auch noch freundlich und entspannt dreinzuschauen. Wie soll das auch gehen?

Wir zwei hingegen, die Kollegin von den Regionalmedien Austria und ich, wir haben es easy. Wir testen in Kärnten den neuen Ford Fiesta. Fahren um den See. Werden links, rechts, vorne, hinten, von Harley-Davidson-Fahrern überholt, ignoriert, stoisch angeschaut.

Der Fiesta hat zwar Location und Zeit seiner Österreich-Vorstellung mit der Harley-Davidson-Week in Kärnten gemeinsam, ist aber sonst das Gegenteil. Sprich: Er ist günstig und hat eine gute Straßenlage. Er bietet leistbaren Ausstattungspakete, und Menschen sitzen mit zufrieden-entspannten Gesichtern drinnen.

Unser Auto ist blau, klein und relativ unspektakulär. Wenngleich es nagelneu ist. Der Fiesta ist immer hin 41 Jahre alt, die jetzt neu kommenden Generation ist die achte. 17 Millionen mal hat Ford den Kleinwagen weltweit verkauft, erzählen uns die Ford-Austria-Leute, nicht ohne Stolz.

Die Diversifizierung des Kleinwagensektors setzt sich im übrigen auch bei Ford fort: Den neuen Fiesta gibts es als Trend (Basisvariante), ST-Line (sportlich), Titanium (komfortabel), Active (Als-ob-SUV, ab 2018), Vignale (teurerer Komfort), dann kommt noch ein 200-PS-ST. Das ganze in 29 verschiedenen Außefarbe-Dachfarbe-Kombinationen, sechs Innenraum-Farben etc, neun Interieur-Design-Pakete, Benzinmotoren mit 1,1 Liter (70 und 85 PS) sowie 1,0-l-Ecoboost-Motoren mit 125 und 140 PS, sowie ein neuer 1,5-Liter-Turbodiesel mit 85 und 125 PS (wobei Diesel in dem Segment kaum eine Rolle spielt). Der Gipfel der Ausstattung: Für 500 Euro Aufpreis gibt ein Bang-&-Olufsen-Soundsystem mit 10 Lautsprechern und einem digitalen 675-Watt-Verstärker. Boom. Nehmt das, ihr Altherren-Krawallbirnen. Der günstigste kostet 10.990 Euro (Einführungspreis bei Finanzierung über FordBank). Wer einen kleinen Ford noch günstiger haben will, der nimmt einen, der als Ka-Plus verkauft wird, technisch aber ein Vorgänger-Fiesta ist.

Bei den Technologien sieht sich Ford mit dem Fiesta als „Klassenbester“. Ich zeig Euch am besten mal die Tabelle, die man uns bei der Präsentation vorgelegt hat. Man muss schließlich gegen den neuen VW Polo antreten, und da gehts nicht nur um die Straßenlage, sondern vor allem auch um Value for Money.

Für die Testfahrstrecke hat sich der Johannes Mautner-Markhof im Auftrag von Ford so richtig ins Zeug gelegt und eine tolle Strecke gefunden. Glaub ich jedenfalls, weil das so seine Art ist. Wir sind sie ja nicht gefahren. Bin ich am Wörther See, fahr ich immer eine Seerunde. So auch mit dem beeindruckend auf der Straße liegenden Fiesta. Meine Co-Pilotin, die Silvia von den Regionalmendien, sagte: „Ford kann halt Fahrwerk.“ Ein geflügeltes Wort im deutschsprachigen Motorjournalismus. Ist auch so. Wir fuhren nach Reifnitz, zum schiachen GTI-Denkmal, bei Minimundus vorbei, wo mein Sohn als 3-jährige zum ersten Mal ein Eis gegessen hatte, zum Rauschele-See, wo ich als 10-jähriger mal Urlaub gemacht hatte, ja, auch nach Velden fuhren wir wieder, weil wir zurück nach Pörtschach mussten. Velden, das noch immer besetzt war von schwarz gekleideten Männern mit dicken Motorrädern. Der Sommer klingt fragwürdig aus. Denn wieder dröhnt aus den Boxen: „Born to be Wild“. Ernsthaft jetzt.

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