Bubraum #38: V.I.P.

Die Buben mit Buemi in der Winner’s Lounge in Spielberg: Sie ignorieren die VIP-Behandlung und gestatten dem Alten, dass der seine Arbeit macht. 

Mein Sohn hätte eigentlich die „Morgenkatz – Megaextra“ fertig stellen sollen. Wollte er aber nicht. Stattdessen hat er mit drei Klassenkolleginnen (ja, -innen!) den ganzen Nachmittag auf so genannten Hoverboards verbracht, zweirädrige E-Boards mit Steuerung durch Gewichtsverlagerung, die „Gangnam Style“ spielen können. Und am nächsten Tag sind wir in der Früh gleich nach Spielberg gefahren. Die „Morgenkatz“, falls die wer tatsächlich noch nicht kennen sollte, ist die handgefertigte Zeitung, die mein 9-jähriger herausgibt und die ich für ihn über Facebook publik mache.

Das „Megaextra“ an der „Morgenkatz“ an diesem letzen Wochenende im September beziehungsweise ersten Wochenende im Oktober ist, dass der Bub den drei Kandidaten für das Bürgermeisteramt in unserm Dorf drei Fragen geschickt hat. Er stellte eine Frage zum seit heuer fehlenden eigenen Hortraum in der Schule, eine zum verspäteten Liefertermin für das neue Klettergerüst im Schulhof sowie eine zur überfälligen Revitalisierung des Kinderspielplatzes. Alle drei haben ausführlich geantwortet. Kein einziges Medium sonst bietet diese Zielgruppen relevanten Informationen in der Tiefe. Lest alle die „Morgenkatz“, auch wenn dann schon klar sein wird, wer für die kommenden fünf Jahre Bürgermeister sein und was tatsächlich mit dem Hortraum und den Kinderspielplätzen im Dorf passieren wird.

Die „Morgenkatz“ sollte jedenfalls verlässlich am Morgen des Wahltages im Burgenland online gehen. Bevor der Chefredakteur sie finalisiert hatte, waren wir in Spielberg bei den „E-Mobility Play Days“. Dorit Haider, Kommunikationsdirektorin von Renault Österreich hatte mich eingeladen auf ein Pressegespräch mit Gilles Normand, im französischen Konzern als Senior Vice President für Elektrofahrzeuge zuständig. Ich hatte ihr geantwortet: „Danke für die Einladung. Ich habe an diesem Samstag beide Kinder alleine in Beaufsichtigung, könnte also nur dann runter auf den Ring fahren, wenn ich die zwei Buben mitnehmen könnte.“ Sie zurück: „Gar kein Problem. Es gibt auch eine Kinderbetreuung.“

Ich packe also die beiden Rüben am Samstag in der Früh ein. Der Chefredakteur der „Morgenkatz“ bereits wie immer präventiv grantig, weil: „Was sollen wir dort bei einer Pressekonferenz, da wird uns fad!!!“ Sein Bruder: „Kann ich iPad, wenn du bei der Pressetonfaren bist?“ Ich zum Chefredakteur: „Ich hab mir gedacht, du willst Journalist werden? Da siehst, was man dabei machen muss …“ Er: „Ja, aber ich kann ja keine Fragen stellen!“ Ich: „Sicher! Halt auf englisch oder französisch …“ Er: „Haha, weil du das kannst …“ Ich: „Dann isst halt Lachsbrötchen!“ Er: „ICH HASSE LACHS!“ Der Dialog ging dann so in der Art weiter, Ergebnis war, dass ich beiden iPad zusagen musste. „Außer wenn wir es rechtzeitig in die Kinderbetreuung schaffen“, habe ich noch angefügt.

Nachdem ich mich aber wie jede Mal auf der S6 bei Bruck an der Mur verfahren hatte, verloren wir 10 Minuten und wir schafften es um dreiviertel zehn in die Renault-Box, nachdem mir in meinem alten Skoda niemand abgenommen hatte, dass ich Journalist sei und ich nicht auf dem Media-Parkplatz vor dem Eingangsbereich, sondern auf dem Wiesenparkplatz wie alle anderen parken musste. Das Arbeitsleid von Teilzeitjournalistenbloggern, a Wahnsinn, sag ich Euch …

Die „Kinderbetreuung“ waren in Wirklichkeit eh nur drei Hüpfburgen auf einem Betonplatz, ohne Betreuung. Aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, ich hatte sie geködert mit: Wir gehen jetzt in den VIP-Bereich. Das Gastropersonal in der „Winner’s Lounge“ kümmerte sich auch sofort rührend um die zwei Ungustln, die sich sofort an den Pressekonferenz-Tisch setzen wollten, vis a vis vom Senior Vice President, worau ich sie stampern musste und sie leise schimpfend sich in die unfassbar ungemütlichen Leder-Sessel vor dem unfassbar unansehnlichen Panoramafenster setzen müssten, wo sie einen unfassbar uncoolen Ausblick auf die Start-Ziel-Gerade und die Boxengasse des Rings ertragen mussten. Und lediglich zwei Kellnerinnen plus nur noch die Pressebetreuerin von Renault Österreich, die nette Patrizia Valentini, waren augenscheinlich nur für sie da, die sie mit Cola und speziell für sie herbei geschafften Weckerl versorgten („Kann man den Salat -igitt – bitte raus, und den Schinken extra?“) sowie mit Renault-Gummibärli (vor den Weckerl). Ihre Reaktion auf die VIP-Behandlung war: „Können wir dann bitte iPad??“

Immerhin brachte das mit sich, dass ich tatsächlich den höchst interessanten Ausführungen von Gilles Normand zu den Renault-Erwartungen in Richtung E-Mobilität folgen konnte, ihm ein paar Fragen stellen, Antworten auf meine Fragen und die der Kollegenschaft hören und danach auch noch in Ruhe etwas essen konnte. Ich fand sogar Zeit, mit meinem alten Standard-Kollegen und Auto-Top-Auskenner Rudolf Skarics von der „Auto Revue“ wechseln konnte (nein, er ist kein Burgenland-Krowod, er ist eigentlich Tiroler, wenngleich der Name 100 pro aus unserer Ecke stammt). Der Rudi ist jedenfalls einer der besten Autoschreiber im Land und kommt jetzt tatsächlich ins Alter, in dem man ihn auch für Vorträge buchen kann, und zwar über die Wahrheit zur Elektromobilität. Ich stelle den Rüben den Rudi vor. Ihre Reaktion: „Hallo … Ok … Papa, können wir jetzt weiter iPad?“

Jedenfalls frage ich noch die Frau Kommunikationsdirektor, ob der Sébastian Buemi, der dreifache Formula-E-Weltmeister auf Renault, auch zu uns rauf in den VIP-Club (zu den Rüben) kommt. Sie sagt, das wäre ursprünglich nicht geplant, aber sie werde mal schauen. Zehn Minuten später ist der 28-jährige Schweizer tatsächlich im Raum. Plaudert mit Gilles Normand über die Saison und über das erste Autorennen in der Schweiz nach 63 Jahren Rundstreckenverbot – nächstes Jahr in Zürich, Formula E.

Jetzt schauen die Rüben vom iPad auf. „Das ist wirklich der richtige Weltmeister? Eeeecht? Der mit dem blauen Auto da unten?“ Ich: „Ja! Machma ein Foto?“ Die Rüben: „Na guuuut.“ Nachsatz: Dann dürfma aber beim zausfahren wieder iPad im Auto, oder?“

PS.:

Im unterirdischen Gang zur Boxengasse hängen die Plakate aller F1-Grand-Prix in Österreich, darunter auch „mein“ erster, über den ich schon mal im Bubraum geschrieben habe.

 

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