Bubraum #40: My Name is Mud

Es ist Sonntagfrüh. Herbstnebel zieht über den Leithaberg. Den Niko und mich erwarten: ein Landherren-Frühstück an der Grenze zwischen NÖ und Burgenland, spendiert von Mercedes-Benz Wiesenthal. Dann: der neue Mercedes-X-Klasse-Pickup. Sowie: gute Geländetips von ÖAMTC-Instruktoren. Und zu guter Letzt: ein echter alter Militär-G im Schlamm.

„Es sind auch Pferdezüchter, Jäger und Waldbesitzer anwesend“, sagte der Mercedes-Mann. Der Niko hat mich groß angeschaut: „Waaas?“, hat er piepsend gefragt. „Wo sind wir da hin geraten“, wird er sich gedacht haben. Und hat sich noch ein Stück Marmorkuchen ins Gesicht gesteckt.

Wo Pferdezüchter, Jäger und Waldbesitzer eingeladen sind, gibt es auch ein anständiges Frühstück. Es war Sonntag, 8 Uhr. Die kleine Rübe hat sich in letzter Sekunde, also um 7.40 Uhr entschlossen, doch noch mitzukommen nach Stotzing. Die einladende Firma, der große Mercedes-Händler Wiesenthal aus Wien, hatte uns zwar geschrieben, wir sollten zum ÖAMTC-Gelände nach Strotzing kommen, aber als Burgenländer wussten wir – also eigentlich, ich, dem Niko wars eigentlich wurscht –, dass nur Stotzing auf der anderen Seite des Leithaberges gemeint sein kann.

Ich kenn mich dort aus. Meine Oma hat mich vor 30, 40 Jahren dort in die Nähe immer auf die hrvatsko shodisce (krowodische Wallfahrt) nach Loretto mitgeschleppt. Ich bin gern hingefahren, obwohl die Messe mit der vereinigten Marien-Gebetsliga aller burgenlandkroatischer Ortschaften gefühlte 17 Stunden gedauert hatte. Aber danach gab’s immer Jahrmarkt. Mit Tonnen an Glumpert und Süßigkeiten. Meine Oma ließ sich da nie lumpen, schon gar nicht, wenn man neben ihr 17 Stunden in der Wallfahrts-Kirche ausgeharrt hatte und so getan hatte, als kannte man „Zdrava Marija, milosti puna“ eh in- und auswendig. Das mochte die Oma, das sah sie als wertschätzend an, würde man heute sagen. Das wurde deswegen belohnt.

Ok, ich drifte ab. Aber nur gedanklich. Denn nach Stotzing ohne r habe ich auf Anhieb gefunden. Zum ÖAMTC-Gelände fährt man über Au am Leithagebirge, was schon in Niederösterreich liegt. Als die Rübe und ich beim Gasthof Edelmühle eintreffen, der exakt auf der Grenzlinie zwischen Cis- und Transleithanien platziert ist, weht dort bereits wie bestellt eine steife Brise. Die Pferdezüchter, Jäger und Waldbesitzer parken sich mit ihren teuren (dicht geschlossenen) Cabrios, SUVs und E-KLasse-Limos auf der nassen Wiese ein. Wir mit unserem Skoda auch. He, der hat auch Allrad, bitte. Der Niko muss Haube, Halssocke, Weste, Anorak und Stiefel anziehen (deren hat er sich im Auto entledigt, aber der Zapfen draußen überzeugt sogar ihn, den 7-jährigen Kaltduscher und Wintergewandverweigerer).

Sonntagfrüh, koid is net (im Keller der Edelmühle zwischen Stotzing und Au am Leithagebirge sowieso net …)

Der Marko Zlousic vulgo Neon Hippo, den ich noch von der Löwelstraße her kenne, der jetzt als Fotograf werkt und in Wiener Neustadt residert, hat uns die Einladung verschafft. Er fotografiert die Autos für Wiesenthal. Einige der Fotos in diesem Blogbeitrag sind auch vom Marko. „Unser Blogger kommt wahrscheinlich mit Kind“, hat er den Wiesenthals gesagt. Die Wiesenthals haben geantwortet: Cool! Kindersitz nicht vergessen.

Auf den Fotos oben sehrt ihr ja, warum wir uns so früh nach Stotzing aufgemacht hatten. Mercedes-Benz und damit auch Wiesenthal haben jetzt nämlich auch einen Pick-Up in der stetig wachsenden Modellpalette. Die X-Klasse. Eine Antwort auf den erfolgreichen VW Amarok. „Der Mercedes unter den Pick-Ups“ lautet der Werbespruch. Damit die Herrenreiter, Förster und Schlossbesitzer nicht auf Fremdmarken ausweichen müssen. Wo kämen wir hin? „Wir rollen das Feld von hinten auf“, sagt der Mercedes-Mann vom Importeur in Salzburg, der die Präsentation für ausgewählte Kunden, den Niko und mich um 8 Uhr leitet. Während sich der Niko den Marmorgugelhupf ins Gesicht steckt.

Der Mercedes unter den Pick-Ups? Naja, nicht ganz. Noch nicht. Der Stern ist vorn schon schmuck verbaut, stimmt. Aber: Zuerst bringt Mercedes mal zwei Vierzylinder-Motoren. Die sind eigentlich von Nissan. Der erste echte Mercedes-Motor, ein Sechszylinder-Turbodiesel folgt erst 2018. „Auf den warten hier sicher viele“, weiß der Mercedes-Mann. Er kennt seine Klientel. Die von und zum im Auditorium nicken. Der Niko trinkt Saft und tut unbeeindruckt.

Zum Testfahren auf dem Offroad-Gelände des ÖAMTC in Stotzing ohne r gibts aber nur die Vierzylinder von Nissan ohne Lenkradpedals. Anyway, die Mercedes-eigene Elektronik und das Fahrwerk lassen sich auch in den diesen beiden Versionen erspüren. Der Niko schnappt sich sofort nach der Präsentation seine Kindersitzerhöhung und will schnurstracks zum Wagen. Der Instruktor vom ÖAMTC schickt ihn noch aufs Klo: „Sonst muss dann draußen im Schlamm gehen …“ „Na und“, denkt sich der Niko, sagt aber nix und geht noch schnell topfwärts.

Dann steigen wir doch ein in eines der 15 Testautos mit den beiden Vierzylinder-Diesel-Versionen. Auf dem Beifahrersitz begrüßt uns ein junger Mann: „Hallo, guten Morgen! Falls Sie Fragen haben zum Auto, fragen Sie mich. Ich bin Verkäufer …“ „Guten Morgen“, sage ich, „ich werde Sie viel fragen. Nur habe ich leider kein Geld, um den Wagen auch zu kaufen. Ich bin nämlich Journalist.“ Der Niko sagt: „Pieps.“ Soll heißen: „Wegen meiner guten Morgen, mich interessiert das eigentlich alles nicht, ich bin mitgefahren, weil ich meinen Papa mag, aber auch nur weil er gesagt hat, ich darf während der Fahrt Nintendo spielen und er außerdem gesagt hat, zu Mittag gibts da ein Schnitzl und nachher gehen wir sowieso nach Eisenstadt zu einem Fußballturnier, was ich in der Halle spiele und vorher darf ich auch Nintendo, also her damit und a Ruah is jetzt. Na, das Auto ist mir egal, weil man kann eh nicht im Kofferraum sitzen, weil der Kofferraum ist keiner sondern ein Lastwagen. Aber fahren wir endlich.“

Zuerst fahren wir bei der Ausfahrt vom Parkplatz an einem zu Demonstrationszwecken in 45 Grad Schräglage aufgestellten Mercedes X vorbei. Anschaulich. Der Niko schaut vom Nintendo auf und fragt: „Was, so fahren wir auch?“ Ich: „Ja, sicher, aber im rutschigen Gatsch.“ Der Niko sagt: „Pieps!“ Soll heißen: „Pieps.“ Er fürchtet sich jetzt ein bissl.

Wir fahren ins Gelände ein. Der Niko sucht Schräglagen, sieht aber nur ein paar Feldwege zwischen Gras und Sträuchern. Er beruhigt sich. Als wir die ersten Feldwege bergauf fahren, um die elektronische Anfahrbremse zu testen, hat ih das Nintendo wieder voll in Beschlag. Das ist ihm zu fad, vor allem nach dem dritten Mal. Im ersten Teil der Strecke passiert auch nicht viel mehr außer ein bissl bergauf und bergab, um zu zeigen, wie viel Bodenfreiheit und so der Wagen hat (er ist gegen Aufpreis zwei Zentimeter höher gestellt, erklärt uns auch unser Verkäufer in unserer Doppelkabine). Es zeigt sich: Mit Leiterrahmen, Mehrlenker-Hinterachse mit starrem Achsanteil, Einzelradaufhängung vorne und Schraubenfedern an Achsen – die X-Klasse ist auf dem Papier und in Gelände ein ganz guter Crossover zwischen Nutzfahrzeug, SUV und Pkw.

Wir fahren die ersten Verschränkungen, versetzt gegrabene Löcher in den Fahrrinnen. Im Wagen bleibt es gemütlich, der Niko kriegt nur Augen, als er sieh, wie es dem Fahrzeug vor uns den Popsch in die Höhe hebt. „Machen wir das jetzt auch?“ „Ja, aber du wirst nichts merken.“ Na gut.

Die folgende Foto-Serien sind (c) by Marko Zlousic (www.neonhippo.net)

Richtig gut wird aber der zweite Teil der Strecke, nach dem Tauschen der Testautos. Wasserdurchfahrt, Schlammstrecke bergauf, 100 Prozent Steigung bergab. Die Elektronik mit dem Bergabfahr-Assi werkt und grummelt ein bisschen, schlägt sich aber ausgesprochen gut.

Im Auto hinter uns hingegen sitzen vermutlich Pferdezüchter, keine Jäger oder Grundbesitzer. Sie bleiben bei so gut wie jedem Hindernis hängen. Der ÖAMTC-Instruktor sagt über Funk für alle hörbar: „Heats, do kumm i jo mit ana A-Klasse rauf.“ Ich wollte anlässlich des 20. Jahrestages einen Elchtest-Witz machen, habs aber dann gelassen, vielleicht hätte man das im Auto eh nicht so komisch gefunden und der Niko hätte keine Ahnung gehabt wovon ich rede … Dann schniebt der Instruktor schnell noch: „Ok, ihr habt da Alljahresreifen drauf, die anderen Winterreifen, da habt ihr halt weniger Grip …“

Beim dritten Anlauf kommt der Instruktor drauf, dass die Pferdezüchter immer am selben Stein in der Steigung hängen bleiben. Die Fahrwerks-Elektronik kann also nix dafür. Die X-Klasse hat für solche Zwecke nämlich ein Fahrwerks-Programm 4L (im Normalbetrieb ist es ein Hecktriebler, der Frontantrieb wird nur bei Bedarf dazu geregelt=, das Untersetzung simuliert und gegen Aufpreis gibt es eine Differentialsperre an der Hinterachse. Damit gräbt man sich auch effizienter durch Schlamm oder aus dem Schnee. My Name is Mud.

Und damit man den Unterscheid zwischen einem ernstzunehmenden Fotografen und mir sieht: Das wären meine Fotos, mit dem iPhone von den Hintersitzen aus geknipst …

Nach drei Touren über alle möglichen Hindernisse, bravourös gemeistert natürlich, is dem Niko endgültig a bissl fad geworden. Mir nicht so, ich wäre gern weiter gefahren mit der X-Klasse. Doch wir mussten ohnehin zum Fußballturnier nach Eisenstadt, um dann mit dem ASV Siegendorf/Cindrof später den wenig erfreulichen sechsten Platz von acht U8-Mannschaften belegen. Aber das konnten wir zu dem Zeitpunkt ja noch nicht wissen (der Niko hat dann getobt …).

Doch die beste Fahrt des Tages stand noch bevor.

Da wir den Mercedes-Event etwas früher als die Heger, Sammler und Landadelssöhne verlassen mussten, wurden wir vom Chefinstruktor des ÖAMTC im Gelände, quasi mitten aus dem Gatsch, abgeholt. Mit einem G. Nicht mit einem Mercedes G, sondern einem Puch G. Gekauft vom aufgelassenen Landwehrstammregiment 11. Ein Offiziersfahrzeug meiner alten Einheit. Hinten harte Bänke, kein Dach, nur ein lose zuwigeknöpfter Plastikfetzen, laut, wackelig, grün. Also alles, was der Niko mag.

Wir brauchten mit dem G fünf Minuten lang zurück zur Edelmühle, bis zum Parkplatz, wo der Skoda zwischen all den Sternen geparkt war. Der Niko schrie durchgehend vor Spaß.

Der Nintendo wäre fast in den Schlamm gefallen.

Und es wäre wurscht gewesen.

Im Puch G hat es uns auf den Mannschaftstransportsitzen ordentlich durchgeschüttelt, den Niko und mich …
… trotzdem wären wir noch eine Zeit lang gern weiter gefahren. Die Nintendo-Tasche hatte er noch fest in der Hand …
Kaltduscher (7) mit Kaltduscher-Auto (mindestens 25)
Ja, ok, ein Selfie noch, aber dann reicht‘s, Papa …

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