Bubraum #5: My Own Summer

Rechtzeitig zum Einbruch der Polarluft auf den Mauselwiesen fuhren die Buben ein Jaguar-F-Type-Cabrio. In Polarweiß. Sie hatten ihren eigenen Sommer. „Mach das Dach auf!“ „Es hat minus zwei Grad …“ „Daaaaach auuuf!“

„Warum gibt’s bei dem Auto kein hinten?“
„Das ist ein Roadster. Die haben immer nur zwei Sitze vorne …“
„Und warum?“
„Äh …“

Der Bubraum ist kein Philosophenblog. Die Frage nach dem Warum, die mein jüngerer Sohn gestellt hat, ist natürlich berechtigt. Sie wird aber hier nicht beantwortet. Wer das erwartet, kann gleich wieder aufhören zu lesen und auf die Folge mit dem Elektroauto warten. Für diese Bubraum-Folge sind wir uns einig geworden, dass wir das Auto einfach so hinnehmen. Nein, stimmt eigentlich auch nicht. Ein F-Type-Cabrio nehmen wir erfreut hin. Auch wenn draußen die Eisbären tanzen. Wir machen uns unseren eigenen Sommer.

Es begab sich nämlich so:

„Leo, willst für eine Woche einen F-Type? Ist aber ein Cabrio.“
„Ja, Dieter!“
„Ich sehe Fotos mit Pudelmützen und Hauben vor mir, Leo! Du auch?“
„Ja, ich auch, Dieter!“

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Ein Jaguar auf der Mauselwiesen

Man sieht, ich beantworte also doch gerne Fragen. Der Dieter Platzer, der als Jaguar-Landrover-Pressechef einen der besten Jobs des Landes hat, unterstützt diesen Blog nämlich gerne, sagt er. Und um seine Words auch mit Action zu untermauern, gab er uns nicht irgendeinen Testwagen.

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Drei Antworten bekommt ihr …

Die Antworten auf die drei Fragen, die mir alle gestellt haben, wenn ich mit dem weißen, heiser fauchenden F-Type mit superaufgeladenen V6-Motor aufgekreuzt bin, lauten übrigens: Nein. 380. 128.000. Aber dazu später mehr.

F-Type. F, der Buchstabe nach dem E. Für die jüngeren unter uns: Der E-Type ist das schönste Automobil, das jemals gebaut wurde. Das sagte auch Renzo Ferrari. Also die Konkurrenz, quasi. Der E war etwas filigran, aber technisch wegweisend, hin und wieder unzuverlässig. Aber jedenfalls atemberaubend schön. Und: Damals halb so teuer wie vergleichbare Ferraris und Aston Martins. Der Wagen bekam schließlich 1996, erst als drittes Auto der Geschichte, sogar eine eigene Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art.

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Gebaut wurde der E-Type von 1961 bis 1974. Da war der Autor dieser Zeilen auch noch ein Bub, als er eingestellt wurde. Er hatte aber eh einen. Von Matchbox. In Dunkelrot. Das schnellste Auto in der Kiste, neben dem Maserati Bora.

Den E-Type, also den echten, gab es mit Reihensechszylinder-Motoren und zum Schluss auch als Roadster mit V12-Triebwerk. Der soff wie ein Loch. Mitten in der Ölkrise, als die Saudis und andere ölexportierenden Diktaturen dem Westen die Produktion drosselten. Die Ölkrise beendete das schöne Leben des schönen E-Type.

Damit auch die jüngeren Buben unter uns sehen, worauf der heutige F-Type sich beziehen soll: Hier ein paar Fotos eines E-Type, der jemandem aus meinem Freundeskreis gehört (die Restauration dieses Wagens wäre eine ganz eigene Geschichte …):

Soviel dazu. Wir sind vier Jahrzehnte später. Also jetzt. Jaguar und Landrover sind nicht mehr im Eigentum des Ford-Konzerns. Tata Motors ist in Charge. Die Ford-Jahre (1989 bis 2008) gehörten bei Jaguar „nicht zu den ausgelassensten“, wie ein Auto-Motor-Sport-Schreiber gar nicht mal unwitzig formuliert hatte. Seit die Inder das Sagen haben, baut Jaguar jedoch wieder scharf aussehende Teile. Warum? Weil sie es können. Und vor allem, weil sie es dürfen.

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Das ist Cabriowetter!

Deswegen auch die Vorfreude bei den Rüben zu Hause. Einen Tag, bevor der Jaguar bei uns, einem der windigsten Plätze des Burgenlands, geparkt wurde, blies ein warmer Südsturm 16 Grad über die Mauselwiesen. „Cabriowetter!“ „Cool-oh, ohne Dach!“, rief der Kleine. Normalerweise will er in Testautos im Kofferraum sitzen. Weil man das ja sonst nicht darf. Dach aufmachen auch nicht, also will er.

img_1851Einen Tag später drehte der Wind. Polarluft pfiff über die Puszta. Minus zwei. Schneeflocken. Popschkalt. „Cool-oh, Dach aufmachen“, rief der Kleine. Der polarweiße Jaguar röchelte fotogen Abgase aus den mittig angeordneten Doppelrohren. Drei Sekunden später hatte er heraußen, welchen Kippschalter er nach vorne drücken musste, um die Dachautomatik ins geschmeidige Tun zu bringen. Er holte selbständig die Lightning-McQueen-Sitzerhöhung aus der Garage, platzierte sie auf dem Beifahrersitz, schnallte sich selbständig an (das konnte er in meinem Auto bisher nie), zog die Fleecehaube tiefer über die Stirn und verlangte: „Fahr ma!“ Offen, selbstverständlich. „Vor dem Kindergarten will’s ich dann zumachen“, fügte er hinzu und wartete. Das gutturale Brüllen des Sechszylinders quittierte er noch mit einem kurzen „Oh“, besann sich dann wieder auf seine Coolness und blickte stur gerade aus.

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Auch als seine Haberer vor dem Kindergarten seinen Namen ins offene Auto riefen, blinzelte er nicht mal. Sondern betätigte die Dachautomatik. Ich fahr auch bei minus zwei offen, schien er zu denken, ich mach mir auch bei Polarluft-Stürmen über der pannonischen Tiefebene meinen eigenen Sommer. Nein, in Wirklichkeit dachte er: „Cool-oh!“

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Silent Nick (li.) mit seinem Freund The Rock
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Das Dach ist wieder saisonadäquat verriegelt.

Mission accomplished. Vor dem Kindergarten waren wir einmal die Coolsten. Es fällt einem schwer, das irgendwo nicht zu sein. Der Jaguar, ein gar nicht so großer, übermäßig protziger Roadster, trifft mit Aussehen und Klang meist die richtigen Saiten.

Die Fragen, deren Antworten ich weiter oben schon vorweg genommen habe, sind auch immer die gleichen gewesen, mehr oder weniger:

  • Ist das deiner? (Nein, ist ein Testauto, gehört dem Dieter)
  • Wie viel PS hat der? (380 mit V6-Motor in der S-Version mit Allrad, mit V8-Motoren geht’s dann rauf bis 575 PS)
  • Wie viel kostet der? (128.000 Euro in der Version, die da steht; den F-Type gibts ab 80.000 Euro, die Listenpreise gehen dann mit der Zylinderzahl und der Motorleistung nach oben, bis zu 185.000. Also ein halbes Haus kann man schon ausgeben, wenn man’s übrig haben sollte …)

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Ein paar haben mich auch gefragt: Wie kommst denn in den noch rein? Sowas muss man sich schon anhören in meinem Alter. Noch schaff ich das. Der Roadster ist, wie es sich gehört, brettlhart ausgelegt. Nicht ungemütlich zu fahren. Wenn man will. Er kann aber auch anders. Jaaa, ganz anders. Brüll, pforz, fauch, hätte Erika Fuchs selig seinerzeit in einem Donald-Duck-Taschenbuch formuliert.

Mit dem Trumm ist man immer in Gefahr, viel zu schnell zu werden. Der V6 hat 1,6 Tonnen, der V8 um 100 Kilo mehr. Das ist für ein Gefährt mit so viel Schnickschnack im Cockpit nicht arg viel. Ok, ein, was weiß ich, Lamborghini Gallardo beispielsweise, den ich vor Jahren mal gefahren bin, hat gut 200 Kilo weniger. Aber der ist auch weniger vollständig eingerichtet, mit allen möglichen Assistenzsystemen, Kameras, einer Mörder-Hifi-Anlage. Der F-Type hat auch eine Karosserie aus Aluminium, und eine Doppellenker-Vorderachse ebenfalls aus Alu. Der alte E-Type hatte auch zwischen 1,2 und 1,5 Tonnen, und außer einem dicken Motor war an dem nicht so wirklich viel dran.

Von Null auf hundert war „mein“ F-Type jedenfalls in knapp fünf Sekunden. Solange kein Lambo um die Ecken kommt, und das ist auf der Mauselwiesen höchst selten der Fall, ist das eh konkurrenzlos.

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Nur ein paar Meter, Frau Cousine!

Bevor auf der Mauselwiese wieder der stille Winter eingekehrt war, der brüllend laute Cabriosommer wieder vorbei und nur mehr die Straßenwalze auf der nahen Baustelle die Wände erzittern ließ, habe ich noch mit den beiden Buben meiner Cousine jeweils eine Runde mit dem Jaguar gedreht. Der eine, 4. Klasse Volks, ein Autonarrischer, sagte mir danach: „Ich muss sagen, es war noch viel besser, als ich es mir vorgestellt habe. Und ich hab mir seit Tagen nichts anderes vorgestellt. Wenn du mal einen Audi R8 zum Testen bekommst, würde ich auch gern mitfahren.“ Der andere, 2. Gymmie, kein Hardcore-Autofan wie sein Bruder, Musiker: „Eh super. Was ist, wenn dich wer erwischt?“ Liebe Frau Cousine, es war eh nur für ein paar Meter. Ist ja unser Sommer.

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Dann kam der Montag. Zeit der Rückgabe. Winter is coming. Dieter is waiting.

„Gibst du heute das Cabrio zurück?“
„Ja. Aber ich bring dich eh noch einmal in den Kindergarten damit.“
„Cool-oh! ICH mach das Dach auf.“

UPDATE:
Dieter mailte mir, nachdem ich ihm die polarweiße Schönheit safe & sound zurück gebracht hatte, folgendes:
„Ich hoffe, Ihr seid jetzt nicht alle verkühlt vom vielen Offenfahren bei klirrender Kälte. Aber wenn das Dach zu ist, ist das Ding ein wunderbares Winterauto, nämlich mit: Allradantrieb, Sitzheitung, Scheibenheizung und Lenkradheizung… was soll einem da der Winter noch anhaben?“
WORD! Gerne wieder. :

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