Short Stories aus dem Bubraum II: Ich in der Semeliker-Gasse

Ich war noch nie dort gewesen. Bis jetzt. Wo? In der Semeliker-Gasse. Ja, die gibt es. Im Bezirk Güssing, in Neuberg im Burgenland, auf kroatisch: Nova Gora. Dort ist ein Gassl am südwestlichen Ortsrand, gleich nach der Birkengasse vor dem Hügel Richtung Rauchwarth, nach meinem Großonkel Matthias Semeliker benannt.

Es traf sich nämlich, dass ich in Güssing beruflich zu tun hatte. Im Technologiezentrum hab ich deswegen den Bezirksstellenleiter der Wirtschaftskammer kennen gelernt, Thomas Novoszel. Er ist auch ÖVP-Bürgermeister in Neuberg. Also hab ich ihn gleich darauf angesprochen: „Bei Euch ist doch eine Gasse nach einem Verwandten von mir benannt, oder?“ Er hat gegrinst und gesagt: „Tako je“, also: So isses. Und hat mir dann erzählt, dass dort bis vor einigen Jahren lediglich ein einziges Haus gestanden sei und dass es dem Eigentümer dieses Hauses ein echtes Anliegen gewesen wäre, das neu entstandene Gassl nach meinem Großonkel zu benennen.

Matthias, auf kroatisch Matijaš, kurz: Mate Semeliker, jüngerer Bruder meines Großvaters väterlicherseits, war während der Nazizeit unter anderem in Nova Gora Pfarrer. Er wurde vom Bischof dorthin versetzt, obwohl ihm die Nazi-Behörden eigentlich verboten hatten, sich weiterhin ein einem burgenlandkroatischen Dorf aufzuhalten. Galt der junge Pfarrer doch schon vorher als „politisch unzuverlässig“.

Im mit dem Journalisten Jurica Csenar verfassten veröffentlichten autobiografischen Buch „Bog u Dahavi“ („Gott in Dachau“, 1988) erzählt mein Großonkel, dass er bereits 1938 sei er als Seelsorger in vor allem deutschsprachigen Neu-Hodis (Novi Hodas) von der Gestapo zwei Stunden lang verhört worden sei. Warum? Ein Sohn eines evangelischen Lehrers habe ihn nach der Schule regelmäßig aufgelauert und mit „Heil Hitler“ gegrüßt. Worauf der katholische Pfarrer stets mit „Grüß Gott“ geantwortet habe. Im Buch schreibt er: „To je bio uzrok mojega uhapšenja“, übersetzt: „Das war der Grund meiner Verhaftung.“

In Nova Gora/Neuberg schließlich, 1943, lieferte eine Aktion, mit der er bei den Nazis offenbar die Grenzen endgültig überschritten hatte. In den kroatischsprachigen Gemeinden des Burgenlandes setzte das Regime die Menschen unter Druck, dass sie eine Forderung unterschreiben sollten, dass von nun an in den Schulen ausschließlich Deutsch als Unterrichtssprache verwendet werden sollte. Pfarrer Semeliker in seinen Memoiren: „Bei mir sollte das nicht passieren.“

Er habe dann zwei Kirchgänger dazu animiert, in die Wirtshäuser zu gehen und mit den dort anwesenden Männern zu reden: „Vi samo toliko recite: bili smo i ostat ćemo Hrvati. Ništa drugo.“ Das heißt auf Deutsch: „Ihr sagt ihnen nur eines: Wir waren und wir bleiben Kroaten. Nichts anderes.“ Das Ergebnis war: Gerade zehn Hanseln unterschrieben die bei einer von Grazer Nazi-Beamten einberufenen Versammlung die Petition in der 1000-Einwohner-Gemeinde Neuberg. Die anderen seien einfach nach Hause gegangen.

Das wars dann. „Znao sam, ča mi cvate.“ – „Ich habe gewusst, was mir blüht“, heißt es in den Memoiren. Pfarrer Semeliker konnte noch nach Wien reisen, auch eine Messe lesen, wurde aber kurz danach von der Gestapo verhaftet und im Juni 1943 ins KZ Dachau verschleppt worden war. Dort überlebte er bis zur Befreiung des Lager Ende April 1945.

Matthias Semeliker nach seiner Verhaftung durch die NS-Gestapo 1943, Foto: Wiener Landesarchiv/doew.at

Pfarrer Matthias Semeliker hat mich 1968 getauft. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich nachher allzu viel Kontakt oder gar eine Art Beziehung mit ihm gehabt hätte. Gut: Ich war ja auch eigentlich immer ein „pogan“, wie die Burgenlandkroaten zu den Heiden sagen. Und war mit meiner Familie ja früher schon hin und wieder übers Kreuz (im wahrsten Sinne des Wortes). Die Männer dieser Generation in meiner Familie, nicht nur die Pfarrer, hatten aber ohnehin mehr Interesse an Singen im Kirchenchor, an der nächsten Wallfahrt nach Mariazell und daran, ob eh genug Wein im Haus ist als an den Leben und Geschichten der Enkelgeneration, zumindest hatte ich stets das Gefühl. Andererseits habe ich mich damals auch mehr für Chicks and Drugs (Don’t  try this at home) and Rock and Roll interessiert als für die Storys der Oldies. Schade, aus heutiger Sicht als Altsack gesehen.

Bild oben: Mein Großonkel bei meiner Taufe am 3. November 1968 in Wulkaprodersdorf/Vulkaprodrštof

Mein Großonkel, Jahrgang 1910, hatte unter uns zwei Generationen später Geborenen den Ruf eines sehr strengen Menschen. Kinder haben sich vor ihm etwas gefürchtet. Das haben mir bereits vor mehr als 30 Jahren sogar meine Tanten in Amerika erzählt, deren Eltern er in den 60ern in den USA besucht hatte, knapp nachdem die Famile (ein weiterer Bruder meines Großvaters) nach Flushing Meadow/NYC ausgewandert war. Bis 1980 war Mate jedenfalls noch Vikar und Pfarrer in Parndorf/Pandrof, Sigless/Cikleš und Oslip/Uzlop. Gestorben ist gospodin Semeliker im November 1986. Ich war damals beim Bundesheer und deswegen gar nicht am Begräbnis.

Zwanzig Jahre später, im November 2006 meldete der ORF-Burgenland in der kroatischen Sendeleiste deswegen: „Jedna ulica je imenovana po posebnoj želji nekoga stanovnika kot ‚Ulica Mate Semelikera‘. Übersetzt heißt das: „Eine Gasse wurde auf besonderen Wunsch eines Anrainers ‚Matthias-Semeliker-Gasse‘ benannt.“

Weitere elf Jahre später war ich also zum ersten Mal dort. Vorgehabt hatte ich das ja schon länger. Nova Gora gehörte unbekannterweise doch irgendwie zu meinem persönlichen Bubraum.

Nur: Was machte ich sonst in Neuberg? Aus touristischer Sicht ist die Gasse nicht wirklich eine Top-Location, wenngleich sie auch in einer an sich ganz malerischen Gegend liegt. Ich hab auch mein Testauto, den Renault Megane Grandtour (über den ich im nächsten Bubraum dann wirklich schreiben werde), fototechnsich nur so halbwegs platzieren können. Die Straßentafel ist auch nur auf einer Seite bedruckt. Immerhin: Die Renault-Navi kennt die Semeliker-Gasse.

Nach diesem Foto bin ich wieder ins Nordburgenland gefahren. Weitere Spuren habe ich nicht gesucht. Beim Vorbeifahren habe ich gesehen, dass vor der Kirche ein paar schwarz gekleidete ältere Männer gestanden sind, vermutlich war gerade ein Begräbnis zu Ende. Die hätte sicher etwas zu erzählen gewusst. Ich bin aber weiter gefahren, war in Zeitnot, musste meine Kinder abholen.

Aber wenn ich mal Zeit habe, erzähle ich Euch auch die Geschichte von meinen Großgroßonkel Anton/Antal Semeliker, Pfarrer in Nikitsch/Filez. Der wurde 1919 in Sopron von den Bela-Kuhn-Leuten erschossen. Das ist eine Familie, oder?

Mein zweitjüngster Bruder ist übrigens Mönch. Hare-Krishna. Und lebt derzeit in Indien. Für die, die ihn kennen: Es geht ihm gut. Das ist aber erst recht eine andere Geschichte.

1 Kommentar

  1. Hallo Leo!
    Mathias Semeliker ist mein Großonkel und ich hatte einen guten Kontakt zu ihm. Ich habe Deine Geschichte im Internet gefunden, konnte aber nicht alles lesen. Ich gratuliere1 Vielleicht kannst Du mir den Artikel mailen.
    Für Dein Mühen danke ich jetzt schon herzlich!
    Mit lieben Grüßen
    Martin Zirkovitsch

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


*